Change Management als Investition
Change Management wird in letzter Zeit verstärkt unter dem Gesichtspunkt von „Return on Invest“ diskutiert. Diese Auseinandersetzung ist überfällig, wenngleich nicht-kaufmännische Professionen leicht unwillig und beleidigt reagieren, wenn sie ihr Budget als strategischen Beitrag begründen müssen. In der Realität angekommen, stellt sich Ihnen unausweichlich die Frage: Wie kann man die Rentabilität eine Change-Managements abschätzen?
Organisatorische Change-Projekte als strategische Investition
Jeder größere Change in einer Organisation birgt das Risiko von Verzögerung, des Stecken-Bleibens und sogar des Scheiterns in sich. Das liegt nicht unbedingt an einer schlechten Analyse, sondern daran, dass in lebendigen Systemen (Märkte, Organisationen, politisches Umfeld) Überraschungen Art nicht ausgeschlossen werden können. Diese Aussage wird dann schmerzlich plausibel, wenn man weiß, dass mehr als 50 Prozent der großen Merger scheitern.
Wie erstellt man einen Business-Case für ein großes Change-Projekt?
Jeder größere Change vor seinem Start von kompetenten Controllern durchgerechnet. Bereits zu diesem Zeitpunkt stellt sich ihnen das Problem, dass viele Auswirkungen und Wechselwirkungen nach höchstens grober Plausibilität geschätzt werden können. Die exakte Rentabilitätsberechnung etwa anlässlich des Kaufs einer neuen Maschine ist bei großen Changes unmöglich. Wie wirkt sich etwa eine flachere Hierarchie auf die Entscheidungsqualität des Managements aus? Entstehen Synergien, wenn man die Spezialisten einer Sorte zentral bündelt? Wird sich die Investition in eine neue Technologie lohnen, wenn nur ein Konkurrent 6 Monate schneller auf dem Markt ist? Wie sind die Auswirkungen auf „Made in Germany“, wenn die meisten Zulieferer aus dem Ausland kommen?
Zur Magie von Zahlen
Erstaunlich ist dann immer wieder, dass wenn sich jemand – mit einem tiefen Seufzer - getraut hat zu behaupten, dass ein Change-Projekt der Organisation 3.450.000 € Kosten spart und 15.620.000 € mehr Umsatz generieren wird, ihm diese Zahlen schnell zu einer emotionalen Basis von Gewissheit werden. Nach kurzer Zeit wird die Unsicherheit bei der Abschätzung vergessen und allein der Anblick der Zahlen beruhigt. Insbesondere, wenn sie schön krumm und differenziert gerechnet sind.
Wie schätzt man nun die Rentabilität von Change Management ab?
Ich schlage dazu sechs Wege vor, die unabhängig voneinander beschritten werden können.
Weg eins: Change Management als Versicherungsprämie:
Wenn große Change-Projekte stecken bleiben, kostet das frustrierte Mitarbeiter – die den nächsten Change torpedieren werden - , erneut hohe Investitionen, um wieder handlungsfähig zu werden, Imageschäden bei Kunden, Investoren und Lieferanten. Manchmal kostet es die Freiheit, da man gescheitert billig übernommen wird. Ein grobes Beispiel: Soll der Change 20 Mio. € bringen und verspricht professionelles CM eine Senkung der Wahrscheinlichkeit des Scheiterns von 25 % auf 20% so kann man ergebnisneutral 1 Mio. € für CM ausgeben. (ohne einzurechnen, was das Scheitern außer dem entgangenen Gewinn kostet)
Weg zwei: Change Management als Abwenden ungünstiger Nebenwirkungen:
Wenn im Laufe des Changes ein Key-Player geht, kostet das nicht nur ca. 2 Jahresgehälter, diesen zu ersetzen, sondern durchschnittlich den dreifachen Betrag für ungünstige Nebenwirkungen im System. Nach einer Cap-Gemini-Studie werden durchschnittlich in einem großen Change 20% der Angestellten zu „Abgestellten“ die über mindestens ein Jahr nicht mehr produktiv sind, sondern die alten Zeiten betrauern und ihre Kollegen von der Arbeit abhalten. Die bedeutet einen Anstieg der allgemeinen Personalkosten um 5%. Was kostet der Verlust eines großen Kunden. Eine Verzögerung um drei Monate? Ein zeitweiser Einbruch bei der Produkt-Qualität um 10%? Was kostet es, wenn im Kampf um interessante neue Jobs die im Rahmen des Changes entstehen, 30% der Nachwuchsmanager 70% ihrer Zeit zum Ausschalten von internen Konkurrenten benutzen? Und danach 10 % der Nachwuchsmanager, als Verlierer um genau diese Jobs, die Firma verlassen? Was kostet es insgesamt, wenn die Kultur von Kooperation, gegenseitiger Ehrlichkeit und wertschätzender Konfrontation insgesamt beschädigt wird?
Weg drei: Change Management als strategische Investition in die neue Organisationskultur:
Große organisatorische Struktur-Veränderungen funktionieren nur, wenn sie mit einer entsprechenden Veränderung der Organisationskultur einhergehen. Zu einer neuen Risiko-Prozess-Struktur braucht man eine Risiko-Einschätzungs-Kultur, zu autonomeren Geschäftsbereichten mehr Unternehmertum, zu mehr Vernetzung eine Kultur, die in hoher Komplexität handlungsfähig bleibt. Die Phase des Changes birgt für jede Organisation die einmalige Change, die angestrebte Kultur zu inszenieren und zu lernen. Dazu kann jeder Konflikt, jede unsicher Situation, jeder Workshop von Profis in Change Management genutzt (utilisiert) werden. Wenn das bescheidene 5% mehr Arbeits-Produktivität bedeutet, was kommt dann als „krumme“ Zahl heraus?
Weg vier: Change Management als Lenken des abgeschossenen Pfeils:
So ist es leider inzwischen: Dauert ein Change länger als sechs Monate, dann werden die für sein Gelingen relevanten Kontextbedingungen schon in der Mitte nicht mehr denen des Anfangs entsprechen. Professionelles Change-Management, das ständig relevante Informationen zum Status des Changes liefert, erlaubt ein ständiges Nachsteuern des bereits fliegenden Pfeils, um – in dieser Metapher zu bleiben – wechselnde Seitenwinde wieder auszugleichen. Damit erreiche man eine erhöhte Ziel-Erreichungs-Präzision, die sicherlich mehr als 5% des Change-Gewinnes ausmacht.
Weg fünf: Professionelles Change Management hebt „Bodenschätze“ in der Organisationslandschaft:
Gutes Change Management, produziert über die Aktivierung der Mitarbeiter und deren Kreativität, mit einem frisches Betrachten gewohnter Zusammenhänge neue Information über anfangs nicht geahnte Verbesserungsmöglichkeiten. Diese können in einem flexible gemanagten Change-Prozess eingearbeitet und realisiert werden.
Weg sechs: Im Change den Change lernen:
Professionelles Change-Management inszeniert die Reflexion des Prozesses als durchgängiges Lernthema. Diese Investition allein zeigt sich bereits beim nächsten Change – und der kommt bestimmt – als hoch rentabel. Ist nämlich der Change in der Organisationskultur verankert, wird der nächste bei knapperem Ressourceneinsatz 20 -30 % schneller laufen; ein entscheidender strategischer Vorteil.
Rolf Balling (Jg. 43)
Dipl.-Kaufmann, DGTA-Lehrtrainer/Lehrsupervisor für TA im Bereich Organisation. Weiterbildungen in Systemischer Beratung und Gruppendynamik. Erfahrung in Marketing und Controlling und als Leiter des Managementtrainings und der Organisationsentwicklung eines Konzerns. Freiberuflich tätig als Lehrtrainer, Coach und Organisationsentwickler.


