Management und Leadership in disruptiven Zeiten – Teil 1

Zusammenfassung eines Webimpulses von Hans Dieter Wilms, Professio

Disruptionen fordern Organisationen nicht nur strategisch und strukturell heraus. Sie berühren auch Menschen, ihr Sicherheitsbedürfnis, ihre berufliche Identität und ihr Vertrauen in bisher erfolgreiche Routinen. 

Im ersten Teil seines Vortrags stellt Hans Dieter Wilms dar, woran disruptive Situationen erkennbar werden und warum klassisches Management dabei an Grenzen kommt.

1. Was in diesem Artikel mit Disruption gemeint ist

Im wirtschaftlichen Kontext wird Disruption häufig mit radikalen technologischen Veränderungen verbunden. Beispiele sind Smartphones, Streamingdienste oder digitale Fotografie. Sie haben Märkte nicht nur verbessert, sondern deren Spielregeln verändert.

Eine Innovation ergänzt oder optimiert meist ein bestehendes System. 
Eine Disruption verändert dagegen die Logik des Systems selbst. Das Smartphone war nicht einfach ein besseres Telefon, sondern ein Taschencomputer. Streamingdienste haben CDs und DVDs nicht nur ergänzt, sondern in vielen Bereichen verdrängt.

Für Organisationen heißt das: Disruption stellt nicht nur Produkte und Prozesse infrage, sondern auch Kompetenzen, Geschäftsmodelle und Selbstbilder.

2. Disruptionen verändern Systeme – und Identitäten

Disruptionen gibt es nicht nur in Märkten. Sie treten in Natur, Gesellschaft und Wirtschaft auf: Klimawandel und Naturkatastrophen verändern Lebensräume. Pandemien, Social Media, Fluchtbewegungen und Konflikte verändern gesellschaftliche Routinen. Künstliche Intelligenz, E-Mobilität, Plattformökonomien und digitale Geschäftsmodelle verändern Branchen.

Dabei verändern Disruptionen oft auch die Identität einer Organisation. Ein Unternehmen, das jahrzehntelang mit einer bestimmten Technologie erfolgreich war, muss sich fragen, welche Bedeutung diese Kompetenz künftig noch hat. Automobilhersteller erleben dies beim Übergang vom Verbrennungsmotor zu elektrifizierter und softwaregetriebener Mobilität.
Gerade hier entsteht Widerstand. Nicht, weil Menschen grundsätzlich gegen Neues sind, sondern weil das Neue das Bisherige entwerten kann. Wer über Jahrzehnte erfolgreich gearbeitet hat, erlebt Disruption schnell als Infragestellung der eigenen Professionalität oder gar seines Arbeitsplatzes.

3. Wenn Veränderung schneller wird als Lernen

Eine zentrale Diagnose des Vortrags lautet: In vielen Bereichen wächst die Veränderungsgeschwindigkeit schneller als die Lern- und Anpassungsgeschwindigkeit von Menschen und Organisationen.
Solange Organisationen schneller lernen können, als sich ihre Umwelt verändert, funktionieren klassische Managementmethoden gut: Forecast, Planung, Umsetzung, Kontrolle. Wenn jedoch die Veränderungsgeschwindigkeit die Anpassungsfähigkeit überholt, verlieren diese Instrumente an Wirksamkeit. Vorhersagen werden unsicherer. Was gestern richtig war, kann morgen schon überholt sein. Fehler und Abweichungen werden zu Lernsignalen.
Organisationen brauchen dann andere Steuerungsformen: hypothesenbasiertes Vorgehen, Szenarien, Experimente, kurze Lernschleifen und Handlungsfähigkeit trotz unvollständiger Informationen.

(HD Wilms / 2017)

4. Die menschliche Seite der Disruption

Disruptionen wirken nie nur auf Strategien, Strukturen und Prozesse. Sie wirken immer auch auf Menschen.
Wenn Kontrolle abnimmt, steigt häufig das Bedürfnis nach Sicherheit. Menschen greifen auf Bekanntes zurück. Sie machen mehr von dem, was sie bereits kennen. Das Vertraute vermittelt psychologisch Scheinsicherheit, auch dann, wenn es sachlich nicht mehr passt.

In Organisationen zeigt sich das durch Defensivität, Vermeidung, Rückzug, Rechtfertigung, Silodenken oder Sätze wie: „Das haben wir schon immer so gemacht.“ Solche Reaktionen sind Hinweise darauf, dass Menschen mit Kontrollverlust, Ambivalenz und Verunsicherung ringen.
Für Führung wird das anspruchsvoll. Führungskräfte sind selbst Teil des disruptiven Geschehens und müssen zugleich Orientierung für andere bieten: Stabilität ohne falsche Sicherheit.

5. Disruption betrifft selten das ganze System gleichzeitig

Meist ist nicht ein ganzes Unternehmen gleichermaßen disruptiv betroffen. Häufig geraten einzelne Bereiche, Geschäftsmodelle, Funktionen oder Schnittstellen unter Druck, während andere Bereiche relativ stabil arbeiten.
Das macht Führung nicht leichter. Sie muss in zwei Welten zugleich agieren: In einem Teil der Organisation funktionieren klassische Routinen noch. In einem anderen Teil braucht es experimentelle, vernetzte und adaptive Steuerung.

Die Frage lautet daher: „Wo genau ist unser System disruptiv betroffen, woran erkennen wir das, und welche Steuerungslogik passt dort noch – oder nicht mehr?“

6. Dynamik und Komplexität als Haupttreiber

In den letzten Jahren sind viele Modelle entstanden, um Unsicherheit und Veränderung zu beschreiben, z.B. VUCA, BANI, PUMO oder D.A.V.I.D. Solche Modelle können hilfreich sein, weil sie Sprache für Unübersichtlichkeit anbieten.

Zugleich lässt sich vieles auf zwei zentrale Treiber verdichten: Dynamik und Komplexität. Dynamik beschreibt die Geschwindigkeit, mit der Ereignisse und Veränderungen auftreten. Komplexität beschreibt die Vielzahl und Unübersichtlichkeit der Zusammenhänge.

(Heijo Rieckmann / 1991)

Wenn hohe Dynamik auf hohe Komplexität trifft, entsteht das, was Heijo Rieckmann bereits in den 1990er-Jahren als Dynexity beschrieben hat. Für Organisationen bedeutet dies: Nicht die Veränderung allein ist das Problem. Auch nicht die Komplexität allein. Besonders herausfordernd wird es dort, wo beides zusammenkommt.

7. Change erster und zweiter Ordnung

Für das Verständnis von und den Umgang mit Disruption ist die Unterscheidung zwischen Change erster und zweiter Ordnung zentral.
Change erster Ordnung ist evolutionär, quantitativ und inkrementell. Er verbessert ein bestehendes System innerhalb seiner bisherigen Logik. Kontinuierliche Verbesserungsprozesse (KVP), Effizienzsteigerungen, Modellpflege oder Prozessoptimierungen gehören in diese Kategorie. Man macht Dinge schneller, günstiger oder besser, bleibt aber im gleichen Denkrahmen.
Change zweiter Ordnung ist qualitativ, mehrdimensional, diskontinuierlich und häufig disruptiv. Er verändert nicht nur einzelne Parameter, sondern die zugrunde liegende Logik. Strukturen, Produkte, Rollen, Denkweisen, Identität und Verhaltensmuster können sich verändern.

(HD Wilms / 2010)

Ein Softwareupdate ist meist Change erster Ordnung. Die Erfindung des Smartphones war Change zweiter Ordnung. Ein neues Automodell bleibt innerhalb der bekannten Logik. Der Übergang zu einer elektrifizierten, softwaregetriebenen Mobilitätswelt berührt dagegen die Logik des Geschäfts selbst.

8. Warum „mehr desselben“ nicht reicht

Unter Druck reagieren Organisationen häufig mit dem, was ihnen vertraut ist. Wenn Komplexität steigt, wird mehr kontrolliert. Wenn Geschwindigkeit steigt, werden mehr Abstimmungen eingeführt. Wenn Unsicherheit zunimmt, entstehen mehr Planungsrunden. Wenn Entscheidungen schwieriger werden, ziehen Führungskräfte Entscheidungen stärker an sich.
All das kann ein Hinweis darauf sein, dass alte Routinen nicht mehr passen. Mehr Kontrolle kann Lernfähigkeit verringern. Mehr Abstimmung kann Geschwindigkeit senken. Mehr Planung kann Experimentieren verhindern. Mehr zentrale Entscheidung kann Verantwortung und Wahrnehmung verengen.

9. Den gewohnten Lösungsraum verlassen

Ein einfaches Experiment macht Change zweiter Ordnung anschaulich: Neun Punkte sollen mit vier geraden Strichen verbunden werden, ohne den Stift abzusetzen. Viele Menschen suchen die Lösung innerhalb des gedachten Quadrats, das durch die Punkte entsteht. Die Lösung gelingt jedoch nur, wenn man dieses Quadrat verlässt.
Darin liegt die Metapher: Wir definieren häufig nicht nur den Problemraum, sondern unbewusst auch den Lösungsraum. Change zweiter Ordnung verlangt, den bisherigen Rahmen zu verlassen, und genau das ist emotional anspruchsvoll.


10. Woran Organisationen erkennen, dass alte Routinen nicht mehr passen

Wie schon bei Punkt 8 erwähnt, sind typische Hinweise dafür: Komplexität wird mit mehr Kontrolle beantwortet. Geschwindigkeit wird durch Abstimmung ersetzt. Unsicherheit führt zu mehr Planung statt zu mehr Lernen. Führung entscheidet mehr selbst, statt Kontext und Verantwortungsräume zu ermöglichen.
Auch permanente Überraschungen, Entscheidungsstaus, Silos, Trägheit, Innovationsblockaden, Entfremdung oder blinde Flecken sind wichtige Symptome. Sie zeigen, dass die Passung zwischen Umweltanforderung und Steuerungslogik verloren gehen kann.

11. Was lässt sich daraus ableiten

Klassisches Management bleibt in stabileren Bereichen nützlich. Wo Dynamik und Komplexität stark zunehmen, braucht es jedoch Szenarien statt Scheinsicherheit, Experimente statt reiner Planung, Lernen statt Fehlervermeidung und verteilte Verantwortung statt zentraler Kontrolle.

Die entscheidende Diagnosefrage lautet: „Woran erkennen wir frühzeitig, dass unsere bisherigen Routinen nicht mehr passen?“ Wer sie ernst nimmt, unterscheidet zwischen stabilen und disruptiven Systemteilen und prüft, ob Change erster Ordnung genügt oder Change zweiter Ordnung erforderlich wird.

Im Teil 2 des Webimpulses wird beschrieben, welche Management- und Steuerungsmethoden und welche Art von Leadership in einem disruptiven Geschehen erforderlich sind. Zudem wird aufgezeigt, welche Formate der Personal- und Führungskräfteentwicklung Organisationen dazu bereitstellen müssen.

Autor:in

Management-Berater und Lehrtrainer

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