(HD Dieter Wilms / 2026)
6. Ressourcen gehören der Organisation, nicht dem Silo
Ein besonders anspruchsvoller Punkt betrifft den Umgang mit Ressourcen. In Organisationen sprechen Führungskräfte häufig von „meinen Mitarbeitenden“, „meinem Budget“ oder „meinem Bereich“. Diese Sprache ist nicht zufällig. Sie verweist auf Besitzdenken, Status und Identität.
In disruptiven Situationen kann genau dieses Denken hinderlich werden. Mitarbeitende und Budgets gehören nicht einzelnen Führungskräften, sondern der Organisation. Sie sind Ressourcen für das Ganze.
Das wird besonders relevant, wenn Ressourcen neu verteilt werden müssen. Ein Bereich mit vielen Mitarbeitenden ist nicht automatisch wichtiger als ein kleiner Bereich. In bestimmten Phasen kann ein kleiner Bereich für die Zukunftsfähigkeit der Organisation entscheidend sein.
Führungskräfte müssen daher lernen, nicht nur ihren eigenen Bereich zu optimieren. Sie müssen die Frage stellen: Welchen Beitrag kann mein Bereich leisten, damit die gesamte Organisation zukunftsfähig bleibt?
Das setzt voraus, dass Defensivität und Silodenken überwunden werden müssen. Dazu reicht es aber nicht allein, an die Haltung einzelner Führungskräfte zu appellieren. Auch Ziel- und Bonussysteme müssen überprüft werden. Wenn Führungskräfte fast ausschließlich an der Zielerreichung ihres eigenen Bereichs gemessen werden, darf man sich nicht wundern, wenn sie diesen Bereich verteidigen. Wer gemeinsame Verantwortung will, muss gemeinsame Zielerreichung auch strukturell verankern.
7. Agile Kultur: Empowerment, Fehlerkultur und Feedback
Eine agile Organisation braucht eine Kultur, die Beweglichkeit ermöglicht. Drei zentrale Elemente können hervorgehoben werden:
Empowerment bedeutet, Verantwortung, Entscheidungsspielräume und Einflussnahme nicht nach oben zu ziehen, sondern nach unten und in die Organisation hinein zu geben. Gerade in Krisen geschieht häufig das Gegenteil. Führungskräfte versuchen, Kontrolle zurückzugewinnen, indem sie Entscheidungen zentralisieren. Das kann kurzfristig beruhigen, verlangsamt aber oft die Organisation.
Empowerment verlangt Vertrauen. Führungskräfte müssen darauf setzen, dass Menschen mit Verantwortung sorgfältig umgehen. Ihre Aufgabe ist dann weniger Kontrolle im Detail, sondern Klärung von Richtung, Rahmen und Erwartungen. In notwendiger Ergänzung dazu müssen Mitarbeiter Bereitschaft zeigen Verantwortung zu übernehmen, was auch Risikobereitschaft beinhaltet.
Eine positive Fehlerkultur: In einer experimentellen Lage sind Sackgassen unvermeidbar. Entscheidend ist, ob sie bestraft oder ausgewertet werden. Eine reife Fehlerkultur fragt nicht zuerst: Wer ist schuld? Sie fragt: Was haben wir gelernt, und was machen wir jetzt damit? (siehe vorher, Absatz 4)
Das dritte Element ist Feedback. Feedback darf nicht als einmaliger Akt missverstanden werden. Ein einmaliges Feedback macht aufmerksam, verändert aber selten dauerhaft Verhalten. Neues Verhalten braucht Übung, Rückmeldung und weitere Korrektur. Deshalb braucht es kontinuierliches und differenziertes Feedback: spontan, regelmäßig, formal und informell.
Diese drei Elemente hängen eng zusammen. Empowerment braucht Vertrauen. Vertrauen wächst durch verlässliches Feedback und einen konstruktiven Umgang mit Fehlern. Eine positive Fehlerkultur wiederum ist ohne Feedback kaum möglich.
8. Agile Führung: Augenhöhe, Selbstorganisation und Verantwortung
Agile Führung unterscheidet sich deutlich von hierarchischer Führung, die vor allem auf Forecast, Planung, Umsetzung und Kontrolle setzt. In disruptiven Situationen braucht Führung eine andere Qualität.
Agile Führung bedeutet, Selbstorganisation zuzulassen und einzuladen. Sie bedeutet Empowerment, Begegnung auf Augenhöhe und die Bereitschaft, Verantwortung zu verteilen. Sie verlangt einen positiven Umgang mit Fehlern und die Fähigkeit, kontinuierlich Feedback zu geben und einzuholen.
Damit verändert sich auch das Verhältnis von Führen und Folgen. Führung gelingt nicht nur durch gutes Führungsverhalten. Es muss ein verantwortliches, kompetentes „Folgeverhalten“ von Mitarbeiterseite hinzukommen.
In Organisationen nimmt jeder Mensch Einfluss und ist zugleich Einflüssen ausgesetzt. Jede Führungskraft folgt auch. Jeder Mitarbeitende führt in bestimmten Situationen mit, indem er wahrnimmt, widerspricht, Verantwortung übernimmt oder Orientierung gibt.
Deshalb geht es nicht nur um agile Führungskräfte. Es geht auch um emanzipierte Folgekompetenz. Menschen müssen lernen, Führungsimpulsen nicht blind zu folgen, aber auch nicht reflexhaft in Widerstand zu gehen. Sie müssen selbstverantwortlich mit Einfluss umgehen – im Sinne der Organisation und des gemeinsamen Ziels.